je suis potlach

bildersturm und gegenbilder

 

Mein Name ist Potlach.
 
 Beruflich wie privat beschäftige ich mich mit Kunst.

Ein ausgebildeter Fotograf bin ich nicht.
Als Künstler mache ich mit diesem schwarzen Apparat BILDER.

Ich denke nicht, dass ich im strengen Sinne ein Fotograf bin.
Ich denke nicht, dass ich Fotos mache. 

Meine Motivation, diesen schwarzen Apparat in die Hand zu nehmen, sind alleine nackte Körper. Keine Landschaften, keine Gebäude, usw. Als enorm wichtige Reibungsfläche dient mir der Joyclub, eine Erotikplattform im Internet.

  

 
 2018 habe ich angefangen, Menschen aus dem Joyclub zu fotografieren.

Anfang 2019  habe ich die ersten dooots arrangiert. Der Begriff „dooot“ ist Resultat einer Verschmelzung von „shoot“ und „date“. Menschen, die voneinander nur das Online-Profil kennen (ohne Gesicht), treffen stumm, nackt und blind aufeinander und lernen sich kennen, erkunden sich. Punkt. Punkt.Punkt. Ich dokumentiere diese Begegnung: stumm, bekleidet, sehend. Die drei „O“ in „dooot“ spielen auf die Armbinde von Blinden an (drei Kreise auf gelbem Grund).
 
Ende 2019 ist ein guter Freund, Alex, an meine Seite getreten. Zusammen sind wir quasi „dooots“. Er ist sehr fasziniert von dieser Welt, weil er im wahren und echten Leben Profifotograf mit den üblichen Arbeitsschwerpunkten ist. Ab und an, hier und da fotografiert Alex dooots. Aber er wünscht sich selbst eine kleine Nebenrolle bei diesem Projekt und möchte selbst nicht weiterführend in Erscheinung treten; 
allerdings hat er darauf bestanden, hier an dieser Stelle ein paar Worte zu meinen Bildern zu verlieren.

Shoots wie doots/dooots sind entspannte und gelassene Angelegenheiten. Dennoch steckt "etwas dahinter", es gibt einen "Grund und Boden", aus dem die Bilder wachsen. Dieses Dahinter kann man sich sparen, man kann die Bilder schwerelos verstehen, auch wenn man ihren Startflughafen nicht kennt. Und doch mag es Menschen geben, die das Folgende, von Alex Formulierte interessieren mag.... 

"Tatsächlich sind Bens Bilder auf der einen Seite sehr einfach. Einfach zu machen. Einfach zu verstehen. Einfach schön. Auf der anderen Seite machen sie große Probleme. Sie sind „gewöhnungsbedürftig“, „irritierend“, „anders“. Aber vielleicht nur dann, wenn man sie als Fotos versteht. Im Kontext der Akt- und Erotikfotografie soll ein Po ganz einfach schön aussehen. Keiner möchte, dass sein Po unvorteilhaft auf einem Foto erscheint.

Ben möchte auch nicht, dass ein Po auf seinen Bildern unvorteilhaft erscheint, aber er geht aus verschiedenen Gründen nicht in einen shoot bzw. dooot, um einen Po schön aussehen zu lassen. Er möchte gute Bilder machen. Und Schönheit entsteht aus dem Bild heraus und nicht aus dem Körper heraus, der darauf als Motiv erscheint.

Es ist die alte Geschichte von der Pfeife, die keine ist. „Ceci n`est pas une pipe“ schreibt Magritte 1929 unter die Darstellung einer Pfeife. Ceci n`est pas une queue. Sage ich. Dies hier, ein paar Zentimeter über dieser Zeile, ist kein Schwanz. Es ist das Bild eines Schwanzes. Glauben wir bitte nicht, dies sei die Wirklichkeit, geschweige denn die Wahrheit (als absolute Größe). 

Binsenweisheiten, all das, für Künstler, Bildwissenschaftler und andere. Aber in der Praxis stets neu und aufregend. DIE „Fotografie“ als erfolgreichstes Medium zur Wirklichkeitsaneignung sowie DIE „Wahrheit“ bleiben mächtige warlords in einem Krieg der Bilder, der bei RTL, bei insta, im Joyclub gleichermaßen tobt. Wie sehr „falsche“ Bilder uns leiten, uns einengen, uns missbrauchen, uns klein halten, uns manipulieren, ist ein Thema, was nur noch wenige interessiert, weil wir uns längst schon in eine sehr begrenzte und beschränkte Welt der Muster, Protokolle, Gewissheiten gefügt haben. So „open minded“ der Joyclub hins. freier Formen der Liebe in Abkehr etwa von monogamen Mustern vielleicht auch stellenweise sein mag, so repressiv und regressiv ist er auf ästhetischem Gebiet. Und damit meine ich nicht die Schnappschüsse von gespreizten Schenkeln oder die Badezimmerspiegelselfies (diese sind in ihrem anarchischen Moment über jede Kritik erhaben). Ich meine die „niveauvolle Akt- und Erotikfotografie“, die jeden Körper in immergleiche Schablonen presst und damit die Arroganz besitzt, durch schiere Massenproduktion Schönheit zu definieren. So, genau so muss mein Po inszeniert werden, sonst finde ich ihn nicht schön….

Armer Po!
Armer Mensch!

Jene Fotografen bedienen einen Markt, wenn sie Geld einnehmen.
Wenn Sie ihre Arbeit kostenlos verrichten, bedienen sie aber auch einen metaphorischen „Markt“, einen Schablonenzirkus, in dem, ergeben wir uns ganz der kapitalismuskritischen Sentimentalität, der GANZE Mensch keine Rolle mehr spielt. Natürlich ist die Rede von Körperidealen! Natürlich ist dies ein Ausläufer von den großen Vereinheitlichern wie Klum, Bohlen und Co.

Im Gegensatz zu den grob skizzierten Annahmen über das Abbilden von Körpern versucht Ben in seinen Bildern diese Schablonen los zu werden; ein ehrenvolles Unternehmen, wie ich finde.

Ein letzter Gedanke, der seine Herangehensweise vielleicht auch verständlich macht: Die „niveauvolle Akt- und Erotikfotografie“ (einschließlich ihrer Stiefschwester, der Pornografie) war oft und gerne ein (satirisches) Modell für die "bürgerliche" Kunstauffassung (bzw. die Rezeption von Fotos/Bildern) im Allgemeinen. So wie man im Kino, vor dem Bildschirm (tablet oder TV), vor einem Bild emotional aufgerüttelt zu werden wünscht, so zielt die Pornografie beim Betrachter auf die körperliche Erregung. Kulinarik. Konsum. Herz und Schritt statt Verstand und Kopf! Im Joyclub nicht anders: ein Foto im Profil BEWIRBT mich und meinen Körper als Ware, die der Profilbesucher zu konsumieren wünscht. Das „Wunderwerk“ Mensch, sein Geist u.v.m. sind nicht gefragt. Entsprechend fungiert das Bild als DIENENDE Größe. Das Bild darf nicht Wunder sein, wundern, wund sein...

All das: Nichts Neues! Als Künstler geht es Ben aber nun um den äußerst aufregenden Prozess, dass für das Abbilden von nackten Körpern gar kein Modell bereit steht, welche ihre dem Menschen Hohn sprechende Beschränkung auf kulinarischen Körperkonsum (und das nennt man dann eben „Pornographie“) aufdecken könnte. Auch weil sich der bürgerliche Herr Künstler auf dieses Terrain nicht vorwagt. Er ist sich für dieses Forschungsfeld zu „fein“ – und selbst, wenn er sich nicht zu fein ist, dann kann er, zumindest mit Blick auf Bens Situation, nicht unter seinem Klarnamen agieren, sondern er muss ein Pseudonym wählen.

Dass als Lösung für die beschriebene Situation also Kunst notwendig ist, dass die Produkte, die aus den obigen Überlegungen heraus, entstehen, NATÜRLICH „gewöhnungsbedürftig“ sind und gefälligst sein müssen, ist klar.
Das ist kein Fehler, kein Makel dieser Bilder, das ist kein Versehen. Das treibt nur einen Fehler im ästhetischen System hervor.

Kunst muss Umwege nehmen, eindämmen, ausweiten; Kunst muss sich bemächtigen, muss zurücktreten, muss dem stummen Körper eine Körpererzählung gegenüber stellen; Kunst muss über die Bildentstehung selbst nachdenken, ein Aktbild muss deshalb auch zugleich ein META-Akt sein. Und so weiter. Und so fort. 

Und zuletzt: Deshalb muss POTLACH immer wieder sterben, um wiederum als dooot neu geboren zu werden. Denn Bilder müssen in Bewegung bleiben, Formen dürfen nicht erstarren.

Als POTLACH ist er Stilist, Formalist, ein Abstrakter, ein Abstrahierer, ein Übertreiber, ein Epiker, Lyriker.
Als DOOOT ist er Dokumentarist und Chronist.

Zwischen Inszenierung und Authentizität.

Dies ist nichts weniger als sein Bildersturm. Seine Gegendemo. Sein Gegenterror.


Je suis Potlach.
Wirklichkeit wird überschätzt."